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Diese Kurzgeschichte habe ich geschrieben, als ich noch zur Schule ging, und im Laufe der Jahre hier und da überarbeitet. Mich inspirierte ein Dokumentarfilm über einen Pianisten mit Tourette-Syndrom. Wenn er Klavier spielte, verschwanden alle seine Symptome.
„Weißt du, ich muss mittlerweile etwas verrückt sein...“, sagte meine Großmutter.
„Das bezweifle ich, Ba.“
„Ba“ war der Kosename, den ich ihr in meiner Kindheit gegeben hatte. Meinen Großvater nannte ich „Deda“.
„Ich werde es sonst niemandem erzählen, aber ich habe etwas Dummes gemacht“, fuhr sie fort.
„Was Dummes?“
„Ich habe gestern einen Laib Weißbrot gekauft. Es war ganz ausgezeichnetes Brot. Unfassbar weich und saftig…“
„Ja und?“
„Du weißt, ich räume immer alles von meinem Küchentisch, bevor ich schlafen gehe. Ich kann nicht schlafen, ehe ich weiß, dass alles an seinem Platz ist.“
„Ja.“
„Gestern Nacht habe ich alles vom Tisch geräumt und plötzlich halte ich dieses Brot in der Hand. Und weißt Du? Ich hatte einen so schönen Abend mit diesem Brot. Es schmeckte einfach vorzüglich mit dem süßen Schwarztee... Da nahm ich das Brot in meinen Arm und küsste es. Dumm, nicht?“
„Dumm?“
„Ich musste an Deinen Deda denken. Immer wenn Krümel auf dem Tisch liegen blieben, sammelte er sie sorgsam auf und steckte sie sich in den Mund. Das hat er bis zu seinem letzten Tag gemacht. Als ich noch ein junges Mädchen war, ärgerte ich mich schrecklich deswegen. Es schien mir keine männliche Art zu sein – eher die Geste einer tattrigen alten Frau“, sie schwelgte kurz in einer Erinnerung, „Einst machte ich mich lustig über ihn, als meine älteste Schwester zu Besuch war. Nach dem Essen zog sie mich wütend zur Seite und sagte: „Wie kannst du nur? Hast Du vergessen, dass er ein Blockaden-Kind ist?“ Ich schämte mich fürchterlich.“
Am anderen Ende der Leitung war es still.
„Ein Brot zu küssen – ich alte Schachtel werde langsam wirklich verrückt.“
„Du meinst wohl, das ist die Geste einer tattrigen alten Frau?“
Ich hörte sie lächeln.
Ich bin das vergängliche Bündnis von Himmel, Erde und Leben.
Eine fieberhafte Ruhe legte sich über den Hof des Erwin-Schrödinger- Zentrums und das Wetter schlug hartnäckig, voll zorniger Wucht, um sich. Massive Wolkengebilde zogen in Eile über den Horizont. Die Sonne blinzelte matt aus ihrer dichten grauen Pracht und ihr Licht änderte so kontinuierlich an Intensität, als würde ihr ganzer Korpus pulsieren. So, als würde die Unbeständigkeit des Wetters hier auf Erden sie strapazieren und ihren Blutdruck in die Höhe jagen lassen. Kleinlich richtete sie ihre blaßen Strahlen auf den Hof der Bibliothek und plagte die erschöpften Studenten, die sich in den ersten Frühlingsstrahlen sonnen wollten und lahm ihre Hände über die ausgelaugten Augenlieder hielten.
Inmitten des Hofes ragte ein sonderbares rund zwanzig Meter hohes Gebilde aus Beton empor. Eine Art monumentales graues Ei in dessen Inneres eine schmale Treppe mit einem kleinen runden Tor führte. Dieses eigenartige Portal verwandelte das bizarre Ei in ein noch unsinnigeres Raumschiff. Verstärkt wurde dieser Eindruck durch eine Vielzahl von roten pilzartigen Kugeln, die das Ei umwuchsen und rauschten, knisterten und ab und an, gar ein paar Worte an die Betrachter richteten. Die Studierenden gafften unberührt von den Absurditäten, die sie umkreisten, in ihre massiven Wälzer.
In Wirklichkeit war dieser Schauplatz der Merkwürdigkeiten nichts anderes als ein Aerodynamischer Park in dessen Zentrum sich der Trudlerturm befand, ein Denkmal der Luftfahrtforschung. Eine technische Innovation vergangener Zeiten, die noch heute futuristische Züge trug, umkreist von dem Werk eines Künstlers, kleinen roten Lautsprechern mit unverständlichen Zitaten, die unaufhörlich raschelten und zischten. Wenn die Kunst auch fraglich war, die Wirkung war hypnotisierend. Stelle sich einer vor, man taumelt Abends leicht betrunken, oder vielleicht eher sternhagelvoll, über diesen Hof der Wunder und trifft auf so einen sprechenden Pilz. Zum Einscheißen. Sobald man sich von dem Schrecken erholt hat, beginnt man ein tiefgehendes Gespräch mit eben jenem Pilz, dieser raunt zwar nur als Antwort, doch man fühlt sich geliebt und verstanden und nur ein besorgter Freund kann einen aus der innigen Umarmung mit dem neu gewonnen Seelenverwandten reißen.
Der Turm warf einen gewaltigen Schatten über den Hof und die Studenten flohen gleich einer Schafherde unaufhörlich vor der blendenden Sonne und dann wieder in ihr wärmendes Licht.
Auf einer Holzbank in der Nähe des Gebildes saßen einige Mädchen und tauschten eilig ihre Unterlagen aus. Sie kippten literweise Kaffee in sich hinein und qualmten aus allen Öffnungen. Ihre Nägel lösten sich und die Haare waren unordentlich und fettig auf ihren Hinterköpfen geknotet. Lauter Schmutzflecken zierten die labernden Jogginghosen und ein triefender Geruch von Kaffee, Rauch und Schweiß erschwerte die Luft. In einigen Wochen würde sie keiner wiederkennen: die Haare gelockt und die Haut, wie Pfirsiche, werden sie über den Hof tänzeln und einen süßen Geruch von Frühling verwehen und verführerisch in ihren veganen Tupperdosen löffeln, von schlechten Angewohnheiten keine Spur.
Zwischen der Prüfungsphase und dem Semesterbeginn wirkte immer ein erstaunlicher Zauber und alle gerupften Hühner verwandelten sich in graziöse Paradiesvögel. Ja, schon bald würden ihre Augen im Lichte neuer Ziele glänzen.
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